| KOMMUNALWAHL: Das ewige Lächeln |
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Wahlplakate gehören zum Wahlkampf wie der Trommelwirbel zur Zirkusvorstellung – doch wie wirksam sind sie? Märkische Allgemeine Zeitung 2008-09-12 POTSDAM - Da hängen sie wieder und lächeln den Wählern hinterher – 24 Stunden, rund um die Uhr, bei Wind und Wetter. Kaum eine Straßenlaterne, von der in diesen Tagen nicht mindestens ein Politiker versucht, seine Botschaft ins Land zu tragen: Wahlkampfzeit ist Plakatezeit. Und das Auge wählt bekanntlich mit. Dabei sind sich die Forscher längst einig: Die Wirkung der Plakate ist überschaubar. „Es gelingt kaum, Wähler durch Plakate zu überzeugen“, sagt Oskar Niedermayer, Parteienforscher an der Freien Universität Berlin. Dennoch könnten die Parteien nicht auf sie verzichten. Nur wenn man Präsenz zeige, so der Professor, gelinge es, zumindest die eigene Klientel zu mobilisieren. Dessen ist man sich in den Wahlkampfzentralen durchaus bewusst. „Mit Plakaten gewinnt man keine Wahlen. Ohne Plakate verliert man sie“, sagt der Landesvorsitzende der Linken, Thomas Nord. Und so greifen die Parteien auch vor der Kommunalwahl am 28. September wieder tief in die Kasse – schließlich gibt es im Gegensatz zu Bundes- und Landtagswahlen bei Kommunalwahlen keine staatliche Wahlkampffinanzierung. Der SPD-Landesverband gibt insgesamt 150 000 Euro für den Wahlkampf aus. Allein in Potsdam werden 2000 Plakate aufgehängt. Stückpreis: zwischen zwei und zehn Euro, je nach Material und Auflage. Hinzu kommen die Ausgaben der jeweiligen Kreisverbände. Der Linken sind ihre landesweit 40 000 Plakate mehr als die Hälfte ihres gesamtes Wahlkampfetats von 160 000 Euro wert – allein 2050 Plakate sollen es in Potsdam sein. Bei den Grünen gibt man sich mit landesweit 13 000 Plakaten und einem Wahlkampfetat von insgesamt 100 000 Euro etwas bescheidener. Lediglich FDP und CDU erhalten kein Geld von den Landesverbänden. Dennoch dominiert die CDU zumindest in Potsdam das Straßenbild – auch wenn die Partei keine Zahlen nennen will. Für die lächelnden Politiker dürfte das indes ein teurer Spaß sein. Schließlich müssen sich die CDU-Kandidaten an den Kosten beteiligen. Bei den Liberalen gibt man sich ob der finanziellen Chancenungleichheit trotzig. „Wir setzen auf das Programm und Gespräche mit den Wählern vor Ort“, sagt FDP-Landesgeschäftsführer Winfried Soßna. Eine Ausnahme im derzeitigen Land des Lächelns bildete bis Anfang der Woche die Stadt Perleberg (Prignitz). Die in der Stadtverordnetenversammlung vertretenen Parteien (CDU, SPD, Linke und FDP) hatten sich darauf geeinigt, ihre Plakate erst ab dem 8. September aufzuhängen. Die CDU will sogar ganz darauf verzichten. „Die Plakate sind nicht schön und kosten unnötig Geld“, sagt Bürgermeister Rainer Pickert (CDU). Damit die Plakate nicht zur Qual vor der Wahl werden, will er sich zum nächsten Urnengang mit den anderen Parteien auf ein generelles Plakatverzicht einigen. Im Rest des Landes wird derweil eifrig plakatiert. Auffällig ist dabei der Trend zur Professionalisierung. Bei SPD, Grünen und der Linken haben die Landesverbände Werbeagenturen mit der Plakatgestaltung beauftragt. Nur FDP und CDU überlassen dies im Wesentlichen den einzelnen Kreisverbänden. Abzugrenzen versucht man sich über Design, Slogan und Farben. Während die CDU beispielsweise stark auf Kandidatenplakate und die Farbe Orange setzt, sticht die Linke mit ihren signalroten Themenplakaten hervor. Die Potsdamer SPD wiederum betont den kommunalen Charakter der Wahl durch die Verwendung von Ortsschildern. „Von einem künstlerischen Gesichtspunkt sind die Linke-Plakate durchaus gut“, lobt Konkurrent Klaus Ness von der SPD. Aufgrund der geringen Schriftgröße funktionierten sie aber nicht. „Man muss das als Autofahrer lesen können.“ Linken-Chef Nord kontert: „Die SPD setzt bei den Plakaten stark auf die Farben gelb und blau. Das hat wohl mit ihrer neuen politischen Ausrichtung zu tun: Liberal und konservativ.“ Man merkt: Der Wahlkampf ist in vollem Gange. (Von Sebastian Meyer) Wahlplakate im Kommunalwahlkampf 2008 in Brandenburg Fotos: dpa/Gartenschläger/ Köster/ Liebe Navigation Bildergalerie: 1. zurück 2. 1 / 10 Bild versenden 3. weiter INTERVIEW: Wie Werbung für Waschmittel oder das Bier in der Kneipe Lutz Huth war Professor an der Berliner Universität der Künste und hat dort unter anderem zu den Themen Werbung und politische Kommunikation geforscht. Sebastian Meyer sprach mit ihm darüber, wie Wahlplakate wirken. MAZ: Wie wirksam sind Wahlplakate eigentlich? Lutz Huth: Es geht darum, dass die Leute mobilisiert werden, überhaupt wählen zu gehen. In der Wahlentscheidung zu beeinflussen sind dann aber nur zwischen fünf und zehn Prozent: die Unentschlossenen. Wobei diese Zahl aufgrund der sinkenden Parteieinbindung immer stärker zunimmt. Was genau müssen die Plakate also leisten? Huth: Wahlkampf ist wie Werbung für so genannte Low-Interest Produkte, also Waschmittel oder ein Bier in der Kneipe. Da ist es relativ egal, welche Marke ich kaufe, Hauptsache der Preis stimmt. Entscheidend ist, dass sie das Produkt kennen. Wenn ich in der Wahlkabine bin und mir denke, die Partei habe ich noch nie gehört, dann wähle ich die nicht. Was fällt ihnen bei den Plakaten dieses Wahlkampfes auf? Huth: Es gibt unglaublich viele Köpfe zu sehen, die freundlich und symphatisch gucken. Man fragt sich aber, wofür sie eigentlich stehen. Die Slogans sind durchgängig viel zu abstrakt: „Mehr Bürgerwille" (Freie Wähler), „Man kann immer was machen" (FDP), „Original sozial" (Linke), das ist zu beliebig. Am besten gefällt mir noch das CDU-Plakat mit der Schieferntafel, auf der steht „CDU macht Schule". Das ist konkret, enthält ein Wortspiel und regt zum Nachdenken an. Außerdem scheint es so zu sein, dass auf aggressive Angriffe gegen den politischen Gegner verzichtet wird. Das hat wohl mit der allgemeinen Harmoniebedürftigkeit im Lande zu tun. Vergleichende Produktwerbung ist bei uns ja auch verpönt. Auch die „Rote Socken"-Plakate der CDU gingen eher nach hinten los. Und woran erkennt man ein gutes Plakat? Huth: Es sollte Aufmerksamkeit erregen, für ein paar Sekunden wie ein Rätsel erscheinen und eine gewisse Spannung zwischen Wort und Bild enthalten. Und natürlich müssen Slogan und Bild wiedererkennbar sein. Am besten, wenn etwas in den allgemeinen Sprachgebrauch übergeht, wie bei der Clausthaler-Werbung: Immer? Nein, aber immer öfter. Oder wie ein Plakat des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes mit Marx, Engels und Lenin. In ironisierender Weise wurde damals auf einen Slogan der Deutschen Bahn Bezug genommen: Alle reden vom Wetter. Wir nicht. |