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08.02.2012 08:50

 

POLITIK: Die Ohren geöffnet, den Bleistift gespitzt (MAZ 07.08.10) PDF Drucken E-Mail
Wahlkampfrunde mit Kulturschaffenden
POTSDAM / BABELSBERG - Offene Gesprächsrunden über die Kultur sind Seismographen für aktuelle Problemlagen. Das bestätigte sich am Donnerstagabend bei einem Gedankenaustausch mit der CDU-Oberbürgermeisterkandidatin Barbara Richstein in der Alten Neuendorfer Kirche. An der Debatte beteiligten sich hauptsächlich die Bürgerinitiative Mitteschön, die großen Museen mit städtischer Beteiligung, die Arbeitsgemeinschaft Gegenwartskunst, der Kulturstandort Schiffbauergasse, die alternative Jugendkultur, die für Projekte wie das „Freiland“-Kulturzentrum und das „Archiv“ in der Leipziger Straße steht.
Die Kandidatin hatte kein Programm dabei. Sie war gekommen, um zu hören und zu lernen: „Ich habe meine Ohren geöffnet und meinen Bleistift gespitzt“, sagte sie gleich zu Beginn. Trotzdem gelang es ihr, der kleinen Runde teils kräftigen Widerspruch zu entlocken. Einen Volltreffer landete sie so kurz vor dem Ende der Veranstaltung mit der einfühlend gemeinten Feststellung, dass „Kunst und Kultur leider Zuschüsse brauchen“. Die Ansicht, dass Kunst und Kultur ohne Subventionen der öffentlichen Hand grundsätzlich nicht funktionieren, beinhaltet im Umkehrschluss des Bild des Kulturschaffenden als Kostgänger der Allgemeinheit.

Der erste Widerspruch kam von Markus Wicke, Fördervereinsvorsitzender des Potsdam-Museums, der Kultur mit dem Verweis auf Lebensqualität als harten Standortfaktor bezeichnete. Galerist Werner Ruhnke sekundierte mit einer „Gegenrede“ zu den Begriffen: „Sie sagen, Kultur muss immer subventioniert werden, ich sage, in Kultur muss immer investiert werden.“ Seine Privatgalerie brachte er als Beispiel dafür, dass Kunst durchaus auch ohne öffentliche Förderung möglich sei. Die Galerie profitiere allerdings von einem Kunst und Kultur aufgeschlossenen Umfeld. Dass Kultur ein regelrechter Wirtschaftsmotor sein könne, begründete Ruhnke mit dem VW-Designzentrum, für dessen Umzug nach Potsdam die unmittelbare Nachbarschaft zu den vielen Kultureinrichtungen in der Schiffbauergasse ausschlaggebend gewesen sei.

Horst Prietz, in den 1990er Jahren Chef des Kulturausschusses, erinnerte an Kalkulationen zu auswärtigen Nutzern städtischer Kulturangebote, die immer auch zusätzliches Geld in der Stadt ließen. Irgendwann hatte jemand errechnet, dass für jeden Euro Kultursubvention ein Betrag von vielleicht 1,50 Euro an Einnahmen in die Stadtkasse komme, der weniger elegante Fachbegriff für diesen Zugewinn lautet „Umwegrentabilität“. Dass der Kölner Andreas Waschk, der mit seiner Gesellschaft gern als Betreiber des Kulturareals Schiffbauergasse nach Potsdam käme, mit Kultur sogar Geld verdienen will, wurde in der Diskussion am Donnerstagabend gar nicht erst erwähnt.

Andere Gesprächsthemen waren etwa die angekündigte Sperrung des künftigen Landtagsschlosses für Durchgangsverkehr und Öffentlichkeit, Probleme bei der Wegweisung zu Kultureinrichtungen und beim Kulturmarketing. Der Chef des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Kurt Winkler, nannte es einen „Missstand“, dass die Kultureinrichtungen für ihre Erwähnung in städtischem Werbematerial extra zahlen müssten: „Das ist ein ganz konkretes Problem.“

Die „Sanssouci-Falle“ für Potsdam als Ort von Gegenwartskunst wurde thematisiert, die Frage nach Konkurrenz oder fruchtbringender Nähe zwischen Potsdam und Berlin, das mangelnde Problembewusstsein der Stadtspitze beim Umgang mit der Stadtgeschichte etwa am Beispiel des Gedenkens an die Männer des 20. Juli 1944 oder den Revolutionär Max Dortu, auch der „schleppende“ Umbau des Alten Rathauses für das Potsdam-Museum. Fördervereinschef Wicke warf der Stadt vor, das Projekt vor der Öffentlichkeit zu verstecken, weil an der Baustelle nicht einmal ein Schild sei, dem man entnehmen kann, was dort entstehen soll.

Auch die Schiffbauergasse wurde aufgerufen, für deren Belebung es seit einigen Monaten ein weiteres Gutachten gibt, erstellt von jenem Andreas Waschk aus Köln. Gegenfrage der Kandidatin an die Vertreterin der Schiffbauergasse, was denn nun zu tun sei? „Ganz einfach“, sagte Katja Dietrich-Kröck vom Waschhaus: „Das Gutachten muss umgesetzt werden.“ Sie habe den Eindruck, das Verfahren stocke schon wieder, weil nun zusätzlich Geld angefasst werden müsse. Aber Geld sei auch nach den früheren Gutachten zur Schiffbauergasse das Problem gewesen. Die Schiffbauergasse brauche zweierlei, so Dietrich-Kröck: „Konsequenz und den unbedingten Willen, das umzusetzen.“

Mit Eberhard Kapuste meldete sich neben Prietz ein zweiter früherer Vorsitzender des Kulturausschusses zu Wort: Er bezeichnete die Debatte als „Endlosschleife“. Über alle Themen habe man schon zu seiner Zeit diskutiert. Wahlkampf gab es natürlich auch: „Der Fisch“, sagte Richstein, „fängt immer am Kopf an zu stinken.“ (Von Volker Oelschläger -MÄRKISCHE ALLGEMEINE)
 


 
 

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